Die Wellen überschlagen sich

Welle überschlägt

Es ist Februar.

Die Wellen überschlagen sich.

Ich erhalte von so vielen Frauen Emails und Nachrichten (über unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com oder über twitter – MuellerLieschen), dass ich es fast nicht mehr abarbeiten kann.

Viele Ärztinnen und Mütter schreiben mir aus ihren Nachtdiensten, in einer ruhigen Minute oder vom Handy aus, wenn sie vor den Kinderzimmern sitzen, bis die Kinder eingeschlafen sind.

Es sind Frauen, die dankbar sind über die vielen Interviews. Frauen, die nach Beispielen suchen, wie eine Gleichstellung und Vereinbarkeit als Ärztin und Mutter möglich ist. Frauen, die sich dafür bedanken, dass ihre Ideen, ihre Gedanken und ihre Wünsche, einen Platz finden, gehört zu werden.

Auch die vielen Kommentare zu meinen Artikeln auf DocCheck.com, zeigen mir immer wieder, dass der Themenkreis um die Frauen in der Medizin, eine große Rolle spielt.

Es freut mich sehr, dass ihr so großes Interesse zeigt. Es freut mich, dass ihr euch so fleißig an den Interviews beteiligt und mit Beispielen meine  Homepage bereichert. Vielen DANK dafür!

Eine dieser Frauen, Ärztin, Anästhesistin und mehrfache Mutter, hat mir einen Beitrag geschickt, den ich freundlicherweise veröffentlichen darf – herzlichen Dank!

Anstatt nur zu fragen, gibt sie Antworten darauf, woran Gleichberechtigung scheitert. Außerdem liefert sie gleich ein paar Möglichkeiten mit, dies zu ändern.

Herzlichen Dank für deinen Beitrag!

„Meine Probleme mit dem Binnen-I“ oder „Woran Gleichberechtigung scheitert“

Zunächst mein persönlicher Hintergrund: ich bin berufstätige Mutter von 4 Kindern. Ich bin berufstätig, weil ich meinen Beruf mag, weil ich dabei Geld verdiene, und weil ich natürlich dieses Geld zu Leben brauche. Ich bin Mutter, weil ich schon immer eine sein wollte. Kinder zu haben ist Teil meines Lebensplans. Ich habe das nicht hinterfragt. Kinder zu haben, erfüllt mein Leben.

Ich habe natürlich einen Mann, der Vater meiner Kinder. Und wir teilen uns die Erziehungsarbeit. Wir arbeiten beide in Teilzeit, 80%. Wir lieben beide unseren Job, und unsere Kinder. Und mit diesem Modell sind wir in unserer Gesellschaft wohl ziemlich ungewöhnlich.

Warum fühle ich mich nicht gleichberechtigt? Unsere Gesellschaft arbeitet doch stark daran. Keine Rede eines Politikers vergisst das „Bürgerinnen und Bürger“, keine Stellenanzeige das (m/f/d). Liebe „Bewerberinnen und  Bewerber“ heißt es, am Elternabend werden „Väter und Mütter“ angesprochen. Am Wahlabend sind es die „Wählerinnen und Wähler“, in der Kirche natürlich „Brüder und Schwestern“.

Es bleiben hohle Worte.

Wenn mein Mann  mit unserer Jüngsten zum „Eltern-Kind-Turnen“ geht, wird er angeschaut wie ein Außerirdischer. Es ist auch schwer für ihn, als einziger Mann, umgeben von 20 Frauen. Wenn ich irgendwo erwähne, dass ich berufstätig bin und vier Kinder habe, kommt gleich die besorgte Nachfrage: „Wie schaffen sie das nur?“ meist dicht gefolgt von „bestimmt hilft die Oma kräftig mit, oder?“. Im selben Kontext hört mein Mann eher: „Wow, vier Kinder, dann hat ihre Frau bestimmt viel zu tun“. Und darauf hört er gerne noch: „Da müssen sie sich ranhalten, genug zu verdienen, ihre Frau kann ja dann nicht arbeiten.“

Die Grundschullehrerin meiner Tochter nannte selbstverständlich ein kleines Heftchen zur Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus „Muttiheft“ und konnte gar nicht verstehen, warum ich diese Bezeichnung ungünstig fand. Elternräte und ähnliche Gremien sind fest in weiblicher Hand. Mein Mann wird angestaunt, wenn er in der Schule erscheint, um ein plötzlich erkranktes Kind abzuholen. Die Lehrerinnen haben mit dem Vater nicht gerechnet. Überhaupt, Grundschullehrerinnen und Erzieherinnen. Man kann sich hier getrost die gendergerechte Ausdrucksweise sparen. Männer sind in diesen Jobs nicht zu finden. Personalchefs hört man auch gerne mit dem Satz: „Ich kann es mir echt nicht leisten, noch so eine junge Frau einzustellen. Die wird dann ja doch nur wieder gleich schwanger, und ist gleich wieder weg.“

Kindererziehung ist in unserer Gesellschaft ein Frauenjob, egal ob persönlich oder professionell.

Und deswegen sind wir von Gleichberechtigung endlos weit entfernt.

Nein, ich werde nicht vorschlagen, dass in Zukunft die Männer schwanger werden. Aber ich habe konkrete Vorschläge. Unsere Gesellschaft wird sich nicht von selber umstellen, die Strukturen sind zu tief eingefahren. Wir können mit Quoten durchsetzen, dass auch Frauen den Firmenvorständen angehören, dann können wir auch mit gesetzlichen Regelungen durchsetzen, dass Männer  sich an der Erziehung beteiligen.

Zunächst der Mutterschutz: Jede Mutter muss zur Geburt ihres Kindes 14 Wochen Mutterschutz nehmen. Diese Zeit ist von Gesetz her vorgeschrieben, und muss auch gegen den ausdrücklichen Willen wahrgenommen werden (Anmerkung von Lieschen: die 6 Wochen vor der Geburt darf auf eigenen Wunsch weiter gearbeitet werden, lediglich die 8 Wochen nach Geburt sind bindend). Warum gibt es keine ähnliche Verpflichtung für Väter? Wir müssen es ja nicht „Vaterschutz“ nennen, die Regelung des Mutterschutzes diente ja ursprünglich dazu, werdende und frischgebackene Mütter vor beruflicher Überlastung zu schützen. Aber auch Väter müssen erst „werden“. So nennen wir es doch die 14 Wochen „Vaterzeit: verpflichtende Entwicklungszeit der Erziehungskompetenz für Väter“. Zu nehmen, innerhalb der ersten 12 Lebensmonate des Kindes. Die Mütter können dann in dieser Periode den beruflichen Wiedereinstieg wagen. Der Vater kümmert sich ja ums Kind.

Anwesenheitspflicht für Väter: Überstunden und Dienstreisen für Männer werden verboten, wenn ein unter 3-jähriges Kind im Haushalt lebt. Außerdem haben Vollzeit berufstätige Väter die Verpflichtung, ihre Erziehungsarbeit nachzuweisen, z.Bsp. durch die Anwesenheit an Elternabenden, durch Besuche von Sprechstunden, Begleitung von Ausflügen, Vorlesestunden in der Kita oder einfach nur dadurch, dass sie anwesend sind, während die Mutter arbeitet. Gelingt es den Vätern nicht, diese Mitarbeit nachzuweisen, werden sie zu Teilzeitarbeit verpflichtet, um ihren Erziehungsauftrag besser wahrnehmen zu können.

Einführung einer Quotenregelung für Erzieher und Lehrer: Was für Vorstände von DAX-Unternehmen gefordert wird, ist doch auch für die KiTa geeignet. 30% (oder vielleicht wenigstens 20%, ich will ja nicht komplett unrealistisch sein) des Personals in KiTas oder der Lehrer an Grundschulen muss mindestens männlich sein. Wie sollen unsere kleinen Jungen, die Väter von Morgen, lernen, dass auch Männer erziehen können, wenn ihnen jegliches Vorbild dafür fehlt?

In diesem Sinne, auf dem Weg in eine gleichberechtigte Gesellschaft!

Vielen Dank für deinen Beitrag!

Ich finde die Möglichkeiten, die du nennst, interessant und denke, dass es viel Platz für Diskussionen lässt.

Wenn wir in die europäischen Nachbarländer schauen, haben viele einen „Vaterschaftsurlaub“ bereits im Gesetz verankert. In Belgien sind es 10 Tage, in Dänemark 2 Wochen, in Frankreich 11 Tage, in Schweden 10 Tage, in Spanien 13-20 Tage (je nach Kinderanzahl). In jedem Land gelten unterschiedliche Richtlinien zur Einhaltung dieses Vaterschaftsurlaubs. Meist ist es an eine vorherige Arbeitszeit von mindestens 1 Jahr geknüpft und muss innerhalb einer gewissen Zeit ( 4 Wochen bis 4 Monate nach Geburt) genommen werden. Die Vergütung des Vaterschaftsurlaubs ist je nach Land unterschiedlich.

Beamte der EU-Kommission haben übrigens 10 Tage Vaterschaftsurlaub und Anrecht auf 6 Monate Elternurlaub mit monatlicher Vergütung. (Quelle: wikipedia)

Ich finde die Elternzeit, die es in Deutschland gibt, v.a. auch die Partnerschaftsbonusmonate, einen guten Anfang. Es bietet viele individuelle Möglichkeiten. Jede Familie muss für sich entscheiden, die Vermögensverhältnisse sind für viele das ausschlaggebende Hauptargument. Das kategorische Verpflichten von Dienstreisen und Überstunden halte ich schlichtweg für absolut unmöglich. Die Verpflichtung zur Einhaltung von „Erziehungsarbeit“ sollte eigentlich verständlich sein. Aber auch hier halte ich es für absolut undenkbar, eine Art Kontrollinstanz einzuführen. Hier denke ich, dass die Zeit für uns Frauen spricht. Immer mehr Frauen fordern die Beteiligung der Männer an der Erziehung der Kinder ein. Übrigens auch in Sachen Haushalt und Co. Auch wollen immer mehr Väter mehr Erziehungsverantwortung tragen. Hier kommt die Veränderung und die Bewegung der Gesellschaft meines Erachtens schon von „unten“.

Die Einführung einer Quotenregelung für männliche Erzieher und Grundschullehrer gleicht der Diskussion einer Frauenquote.

Ich bin gespannt, wie es meine Leserinnen und Leser sehen und freue mich auf eine rege Diskussion!

Übrigens: wenn ihr, liebe Leserinnen und Leser, zum Thema Gleichstellung, Gleichberechtigung oder zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie einen Text schreiben wollt: ich stelle euch meine Homepage gerne als Tafel zur Verfügung.

Ihr müsst nur noch die Kreide in die Hand nehmen und schreiben.

Gerne dürft ihr mir eure Gedanken und Texte zumailen (unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com). Ich veröffentliche sie gerne anonym, unter Pseudonym oder auch unter eurem Klarnamen. Macht mit und werdet Teil des Blogs!

Bildquelle: flickr.com, by Chris Kuga

2 Antworten auf „Die Wellen überschlagen sich“

  1. Hallo Maria,

    vielen herzlichen Dank für deine Antwort. Spannend, wie unterschiedlich die Erfahrungen zu diesem wichtigen Thema sind. Toll, dass deine Erfahrungen so positiv sind – einfach ermutigend: DANKE! Ich schätze, dass vor allem die Frage der Wertigkeit hier eine große Rolle spielt. Anderenfalls hätten wir wohl keine Diskussion, oder?

    Beste Grüße
    Lieschen

  2. Liebes Lieschen, zunächst einmal finde ich die Thematik sehr spannend und diskussionswürdig und deshalb ist es gut,dass du auf deinem Blog Raum dafür lässt und auch andere zu Wort kommen dürfen! Vielen Dank dafür!
    Bezüglich des aktuellen Beitrages fällt mir spontan ein, dass es in Deutschland in der Aufteilung der Erziehungsarbeit regional? doch noch starke Unterschiede zu geben scheint.

    Wir leben in Brandenburg. In unserer Kita ist es üblich, dass morgens in der Garderobe gleich viele Mütter wie Väter anzutreffen sind. Die Einrichtung hat zwei männliche Auszubildende. In der Kinderarztpraxis, in der ich arbeite, kommen viele Väter mit ihren kranken Kindern und auch zu Vorsorgeterminen. Es fällt (mir) ehrlich gesagt schon gar nicht mehr auf. Hier wird kein Vater komisch angesehen,der beim Kinderturnen auftaucht.

    Gleichwohl stimme ich trotzdem zu, dass wir Frauen allein schon durch die Schwangerschaft und dadurch bedingte Einschränkungen jobtechnisch benachteiligt werden können. Fakt ist auch:wir nehmen mehr Elternzeit und wir arbeiten häufiger Teilzeit. Dadurch verschieben sich Karrierechancen und Prioritäten, nicht immer,aber häufig auch gewollt.

    Ich bin nicht für Quoten. Aber ich bin dafür,dass jeder die Möglichkeit hat das zu tun,was er gerne möchte und zwar ohne Wertung.

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