Berufswechsel als Mutter – warum?

Berufswechsel als Mutter

Seit ich Mutter bin, habe ich einen Satz so oft gehört, wie noch nie:

„Warum wechselst du nicht deinen Beruf?“ Meine Mutterrolle scheint sich nicht mit meiner Arbeit als Unfallchirurgin zu vertragen.

Freunde, Bekannte, Verwandte, Kollegen, Vorgesetzte. Viele fragen mich, warum ich nicht das Fach wechsle. „Wechsel in die Innere Medizin. Mach doch den Facharzt für Allgemeinmedizin. Das ist viel besser vereinbar mit deiner Mutterrolle. Oder was ist mit Anästhesie? Rehabilitationsmedizin vielleicht?“

Ich bin erschrocken, enttäuscht und traurig über diese Vorschläge. Nicht, dass sie mich überraschen. Nein. Mein Leben als Unfallchirurgin ist rasant. Ich arbeite nachts, am Wochenende, spät abends. Kein Homeoffice, keine flexiblen Arbeitszeiten, keine Gleitzeit am Morgen.

Die Vorstellung selbst, meinen Beruf als Frau auszuüben, scheint Thema zu sein.

Ich passe nicht ins Schema.

Auch wenn wir Frauen in unserem Fachbereich immer mehr werden – Normalität ist es für viele Menschen noch keine.

Eine Frau, die den Hammer in der Hand hält, um die Prothese einzuschlagen. Eine Frau, die das Skalpell führt, um ihre Hände in den Thorax eines Mannes zu schieben. Eine Frau, die dem Alkoholiker mit den Handschellen und der anwesenden Polizei, die Platzwunde im Gesicht zunäht. Eine Frau, die den Muskelprotz sediert und eine Hüfte reponiert. In unseren Operationen spritzt Blut. Wir tragen Brillen, Kittel und Handschuhe. Und ja, ab und an, bleibt ein Blutspritzer im Gesicht hängen. Wir sägen, hämmern, stöhnen und schwitzen. Wir arbeiten, planen, denken, trösten und fordern.

Vielleicht wundern sich die Leute auch über die aufwendige Organisation, meinen Beruf und die Familie zu koordinieren. Vielleicht passt es einfach nicht in das „Rollenbild“ der Mutter, die Kinder nachts vom liebenden Vater betreuen zu lassen.

Viele Frauen, die mir diese Frage stellen, sind neidisch. Eine gleichberechtigte Partnerschaft zu führen, einen Mann zu haben, der einen wirklich und wahrhaftig unterstützt: Der sich die Wochenenden nicht für das Fußballturnier freinimmt, sondern mit den Kindern einen Auslug unternimmt, weil die Frau arbeitet. Das können sich sehr viele Frauen nicht vorstellen. (Siehe auch hierzu meinen Beitrag: „Ihr Platz im Bus ist hinten“)

All das scheinen Vorstellungen zu sein, die für eine Frau und Mutter nicht passen.

Auch vor der Geburt des Zwerges bin ich mit dieser Einstellung konfrontiert worden. Aber jetzt? Nachdem ich Mutter bin? Scheint es noch sehr viel unangemessener zu sein.

Zu gefährlich? Zu laut? Zu zeitaufwendig? Zu viel Egoismus und Wunsch zur Selbstverwirklichung?

Mir bleibt in dieser Diskussion nur eine Antwort: NEIN! 

Soll ich meinem Zwerg beibringen, dass ich als Frau und Mutter, meine Vorstellungen, Wünsche und Lebensziele begraben muss?

Soll ich meinem Zwerg zeigen, dass man als Mutter nur dann eine gute Mutter ist, wenn man seine Identität verbirgt?

Soll ich meinem Zwerg erzählen, dass Frauen an bestimmte Plätze gehören und Männer hörige Rollen erfüllen müssen?

Soll ich meinem Zwerg zeigen, dass ich nur unglücklich, eine Mutter sein kann?

Das angebliche Martyrium der Mütter trage ich nicht mit.

Das Leben als Unfallchirurgin und Mutter ist immer ein Kompromiss.

Ich werde nicht meine ganze Energie in mein Leben als Unfallchirurgin oder in mein Leben als Mutter stecken können.

Mein Leben ist ein wunderschöner Kompromiss aus beidem.

Es ist anstrengend, nicht einfach und sicherlich nicht der einfachste Weg, den man gehen kann. Aber er macht mich glücklich.

Bringen wir unseren Töchtern doch endlich bei, dass sie sie selbst bleiben dürfen. Dass sie alles schaffen können, was sie möchten. Gesellschaftliche Hürden stellen wir selbst auf.

Ich darf Unfallchirurgin und Mutter sein.

Noch so oft mir ein Mann erzählen möchte, wo mein Platz ist und in welchem Bereich ich als Mutter besser aufgehoben bin.

Liebe Mädchen und Frauen – traut euch! Seid stolz und mutig! Geht mit erhobenen Hauptes und lasst euch nicht klein reden! Zeigt was ihr könnt und genießt euer Leben nach euren Vorstellungen!

Eure

Unterschrift Lieschen Müller

#ILookLikeASurgeon

Bildquelle: flickr.com, by Konrad Lindenberg

4 Antworten auf „Berufswechsel als Mutter – warum?“

  1. Danke für deine unterstützenden Worte! Wenn du Lust hast, beantworte doch meine Interviewfragen. Gerne veröffentliche ich das Interview auch anonym.
    Beste Grüße
    Lieschen

  2. Ich bin auch Unfallchirurgin in Ausbildung und Mutter zweier Mädels. Ich fühle mich hier immer wieder wie gespiegelt und erlebe so vieles so ähnlich! Ich bin ganz deiner Meinung: weiter so! Mut haben! Sich gegenseitig als Frauen, Mamas, Kolleginnen stützen und weiterbringen! Danke für deine Gedanken und tollen Beiträge! Ich freu mich auf mehr 🙂 Lg, Astrid

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