Der Balanceakt missglückt

Tal-Berg

Das Tal ist größer und tiefer als ich dachte. Als das Baby geboren wurde, dachte ich, ich könne einfach auf der Bergkette entlang wandern. Am oberen Rand balancieren, einmal um das Tal herum. Mir das Tal anschauen, bevor ich wieder weiter klettere. Tja, was soll ich sagen…

Hier unten fühlt es sich irgendwie leer an. Es fehlt etwas. Aber doch ist es hier so voll. Verplant. Jeder Tag ist eine endlose Aneinanderreihung von glücklichen, anstrengenden, schlaflosen, fröhlichen, verwirrenden Tagen. Mein Boden hat nach gegeben. Ich weiß nicht mehr so genau, wo ich stehe. Wer ich eigentlich bin. Vorher war ich Unfallchirurgin mit Leib und Seele, 200%. Jetzt bin ich Mutter, zu 200%.

Das fühlt sich leider nicht nur gut an. Mir das einzugestehen, fällt mir schwer. Nicht glücklich damit zu sein, einfach NUR Mutter zu sein. Nicht ausgefüllt zu sein, obwohl ich doch so viel zu tun und zu geben habe.

„Jetzt, als Mutter, weißt du endlich, was der Sinn des Lebens ist, nicht wahr?“ höre ich oft. Ich weiß, was sie mit dem Satz meinen, aber ich kann ihn nicht bestätigen.

Es verändert sich so viel. In so kurzer Zeit. Alle noch so guten Pläne, sind plötzlich verschwunden und das Navi steht in der Sackgasse.

Vielleicht tut mir dieser Platz im Tal auch ganz gut. Hier ohne Plan durch zu wandern zeigt mir viele Seiten an mir, die ich nicht kannte. Ich erhasche einen ersten Blick auf eine andere Welt, die so ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt habe. Zuerst versuche ich, mich anzupassen. Das misslingt gründlich. Ich kann mich nicht verstellen. Ich werde nie die Art Mutter sein, die ich hier so häufig antreffe. Mir daraus keinen Vorwurf zu machen, fällt mir schwer. Aber ich weiß, dass ich unglücklich, keine gute Mutter und keine gute Unfallchirurgin sein werde. Meinen Weg durch diesen Dschungel zu finden, ist abwechslungsreich, enttäuschend, traurig, spannend, fröhlich und irritierend zugleich.

Nach einiger Zeit erhasche ich einen Blick auf einen Anstieg. Traue ich mich da überhaupt wieder hinauf? Bleibe ich nicht einfach besser hier unten? Dort, wo ich mich jetzt auskenne? Die Welt dort oben wird sich weiter gedreht haben, nicht mehr die Alte sein. Ich werde nicht mehr die Alte sein.

Ich weiß, dass der Zeitpunkt noch nicht da ist. Es ist wichtig, dass ich diese Schritte langsam gehe. Mir Zeit nehme, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie ich mir mein Leben als Unfallchirurgin UND Mutter vorstellen kann. So viele Wege. Gar nicht so einfach.

Ich drehe dem Anstieg noch einmal den Rücken zu. Und plötzlich weiß ich, dass ich in meine alte Welt nicht mehr zurück gehen mag. Nicht zu den 24 Stunden Diensten. Zu den 100 Stunden Wochen. Zu den Kollegen, deren Ellenbogen oft spitzer sind, als die schon spitzen Zungen. Bestimmt gibt es einen Berg, dessen schneebedeckte Spitze von der Sonne erhellt, und nicht nur von kalten Gletscherzungen beherrscht, ist.

Ich werde ihn finden, diesen Weg. Im Tiefschnee fühle ich mich wohl. Man muss sich einfach nur zurück lehnen und fahren.

Ich finde, das Tal sieht schon grüner aus, als vorher.

 

Bildquelle: flickr.com, by cordyph

5 Antworten auf „Der Balanceakt missglückt“

  1. Vielen herzlichen Dank für deine wunderbaren, warmen und fürsorglichen Worte. Manchmal sehne ich mich tatsächlich so sehr nach dem entfernen Ziel und vergesse dabei ganz, wie wunderschön frei und glücklich sich das Leben im Tiefschnee anfühlt. Herzliche Grüße zurück

  2. In der Tat ist der Weg danach ein anderer wie davor. Er ist reicher, fülliger, verantwortungsvoller und herausfordernder.
    Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dein Weg bereits auf dich wartet, gefunden zu werden. Bloß dass es kein Weg ist, den alle anderen gehen.
    Es ist vielmehr ein Schritt-für-Schritt erklimmen einer für dich passenden, ganz speziellen Bergseite, die wie für dich gemacht ist. Mal nutzt du diese Werkzeuge, mal jene, und öfters musst du sie dir sogar selbst erstellen, weil es sie noch nicht gibt.
    Am Ende aber wartet ein Ausblick auf dich, den niemand sonst zuvor erblickt hat. Es ist dein ganz persönlicher Blick auf die Welt.
    Denk daran, Ziele zu erreichen ist eine gute Sache, den Prozess zu lieben eine noch viel wichtigere!
    Alles Liebe,
    Ewa

  3. Kommt auch mir bekannt vor – 200 % geht nicht.
    Und muß auch nicht (wenn frau es schafft, den Perfektionismus beiseite zu lassen fühlt es sich vieeel besser an…da übe ich noch…)
    Dieses Tal hat seehr schöne Ecken! und auch schöne angrenzende Flecken, die findest Du, nur Mut!

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