Wenn das Bauchgefühl fehlt

Bauch

Das Baby klebt an mir. 24 Stunden. Tragetuch, Fliegergriff, Tragetuch. In der Nacht schläft es auf mir ein, neben mir, an mir. Ich stille in der Seitenlage und schlafe regelmäßig dabei ein. Nach 3 Wochen unkompliziertem Stillen geht es los.

Clustern, 6 Stunden Dauerstillen am Abend, blutige Brustwarzen, Milchstau reiht sich an Milchstau. Stillberatung, Kinderarzt, Stillberatung. Die 60-jährige Hebamme ist aus dem Urlaub zurück und steht mir mit Rat und Tat zur Seite. Kohlblätter, Quarkumschläge, Schwarzteebeutelauflagen, Abpumpen, weiter geht’s.

Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Das Baby hat Hunger. Mein intuitives Bauchgefühl, das ich noch bis vor einigen Wochen hatte, ist verschwunden. Ich weiß nicht mehr, was gut für mich ist oder für mein Kind. Ich kann das Schreien meines Kindes nicht mehr richtig deuten. Ich kann nicht mehr schlafen, nicht mehr denken. Ich bekomme Unterstützung von allen Seiten, Ratschläge und helfende Hände. Ich bin dankbar. Aber trotzdem gehe ich nach 8 Wochen auf dem Zahnfleisch.

Das Kind trinkt pausenlos. Ich halte verdammt viel aus, aber das übersteigt meinen aktuellen Leistungshorizont um Einiges.

Es gibt viele Frauen, die es als ihre persönliche Niederlage ansehen, ihre Kinder nicht voll stillen zu können. Ich habe das immer belächelt. Jeder macht es doch passend für sich, das Baby und die Familie, oder nicht? In Woche 9 fühle ich mich genau so wie diese Mütter. Unfähig. Ich kann meinem Kind nicht das Beste bieten, obwohl ich es gerne möchte. Ich stehe vor Pre-Packungen in der Drogerie und bin mehrfach geneigt, sie zu kaufen. „Stillen ist das Beste für ihr Kind.“ steht da.

Die Mütter im Rückbildungskurs, die nette Nachbarin, alle stillen. Überall klappt es. Nur bei mir klappt nichts mehr. Während die eine Brust gerade ausheilt, fängt in der nächsten Brust der Milchstau an. Sie wird rot, heiß, schmerzt. Ich bin gestresst. Es gibt keine Pause mehr für mich. Meine Schwester kommt zu Besuch und sieht mich an. „Erinnerst du dich an ein Wochenende in der Arbeit, an dem du 36 Stunden in der Klinik warst? Dein Kollege konnte kurzfristig nicht kommen und du hattest keine Pause, kein Schlaf? Du warst einfach nur müde. Als du mit dem Fahrrad nach Hause gefahren bist, bist du im Gebüsch gelandet. Du gehst nicht sorgsam genug mit dir um. Du hast von nun an noch mehr die Pflicht auf dich aufzupassen, als vorher. Dein Baby braucht dich.“

Sie hat Recht. Ich finde es falsch mit schlechtem Gewissen zu arbeiten. Ich würde nie eine Mutter verurteilen, die nicht stillt. Warum also sehe ich es als meine Niederlage an? Das ist Blödsinn.

Am Abend entscheide ich, zuzufüttern. Mein Kind trinkt die Pre-Nahrung gierig und schläft zum allerersten Mal seit 5 Wochen, 3 Stunden am Stück ein. In Woche 10 habe ich endlich einen Rhythmus gefunden, Flaschennahrung und Stillen abzuwechseln. Mein Baby verweigert weder Brust noch Flasche und ich kann endlich in ein zufriedenes Babygesicht blicken. Ja, stillen ist das Beste für ein Kind. Aber noch viel wichtiger ist es, satt zu sein, um wachsen zu können. Und eine Mutter zu haben, der es gut geht.

 

Bildquelle: flickr.com, by Björn Láczay

8 Antworten auf „Wenn das Bauchgefühl fehlt“

  1. Ja, heute ist das leider so, alle Mütter denken SIE müssen jetzt und sofort alles können, immer noch top aussehen (Natürlich immer schön geschminkt und schick) und ja nur stillen, genau nach Plan mit Brei beginnen und und und.. Und dann kommt die Realität und die „Schübe“ und schlussendlich sitzt man heulend im Bad weil man nicht mehr kann. Zum Glück wird man irgendwann etwas entspannter.. Ich hatte eine super Hebamme die mich irgendwann ermutigt hat noch pré dazu zu geben und damit haben sich die Probleme größtenteils erledigt den mehr Schlaf hilft auch das Ganze entspannter zu sehen. Inzwischen versuche ich Mama und Papa Perfekt in den Social Media zu meiden und vorallem auf meine Intuition und unseren Kinderarzt zu hören. 😀 und unser Kind wächst immer noch und macht auch Fortschritte 😀 also so ganz falsch kann es nicht sein..

  2. Ja, das stimmt. Ich bin seit fünf Jahren auf der Suche nach dem richtigen Maß, aber ich lerne … langsam ;-). Ich wünsche Dir das Du das für Dich richtige Maß schneller als ich findest.

  3. Ich denke, es ist eine Art schlechtes Gewissen, seinem Baby nicht nur das Beste geben zu können. Sicherlich auch eine Portion Ehrgeiz/Stolz und das Eingeständnis, dass man nicht immer alles kann, was man möchte.

  4. Entschuldige, Du machst ja nun beides parallel. Das ist natürlich klasse. Ich würde auch nie bezweifeln, dass Muttermilch das Beste für das Kind ist. Aber die Mutter und ihre Gesundheit sind eben auch immens wichtig und deshalb kann man im Problemfall auch ohne schlechtes Gewissen auf die Fertignahrung zurückgreifen.

  5. Ich kann Dir nur voll und ganz zustimmen. Es muss beiden gut gehen und ich finde, dass der Druck zu Stillen, der um Mütter herum aufgebaut wird, viele Mütter, bei denen es aus irgendeinem Grund nicht richtig klappt, in die Erschöpfung treibt (ich habe z.B. sechs Monate abgepumpt (einfach viel zu lange) und mache diesen Umstand für meine jahrelange Erschöpfung mit verantwortlich). Du hast aus meiner Sicht vollkommen richtig entschieden. Dein Kind hat eine Zeit die wertvolle Muttermilch bekommen (das ist toll) und es ist gut entwickelt. Dann kannst Du auch ohne schlechtes Gewissen damit aufhören.

  6. Danke. Genau so ging es mir vor 14 Jahren. Der Umstieg auf „Brust und Keule“ hat mein Leben gerettet. Und auch das Baby wurde relaxter da ich entspannter war. Weshalb habe ich mir damals die Entscheidung so schwer gemacht?

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