Liebesbrief

Brief

Ich habe jemanden kennen gelernt. Sie ist groß, hübsch, intelligent, fürsorglich, liebevoll. Klingt wie ein Liebesbrief. Sie wird meine Freundin. Da bin ich ziemlich sicher. Das spüre ich. Erstaunlich. Sie ist mein absolutes Gegenteil. Sie ist die Frau hinter ihrem Mann, die Mutter seiner Kinder, die Frau mit Lebensplan, mit mehreren zukünftigen Kindern, gewünschte Vollzeit Mama für viele Jahre, gläubig. Ihr Kind ist ähnlich alt wie meines. So haben wir uns kennen gelernt. Zwei Frauen mit Kinderwagen. Und jetzt treffen wir uns jede Woche, vielleicht alle zwei. Sie erzählt mir von einer Welt, die ich bisher nicht kannte. Von der Planung eines Kindes, zu einem ausgesuchten Zeitpunkt, von einer Schwangerschaft im gewünschten Berufsverbot, um sich ausreichend auf die Geburt und die Zeit als Mutter mit Kind vorzubereiten. Von einem unterstützenden Chef und Kollegen, die ihre Kinderpause befürworten. Von Nachmittagen mit einem Buch auf dem schwangeren Bauch, um dann doch lieber einzuschlafen. Von nachgelesenen, überlegten Erziehungskonzepten. Von Diskussionen mit dem Ehemann, den roten Faden für die Erziehung ihres Kindes zu finden. Von Werten und Vorstellungen, die das Kind in 2, 3 oder 10 Jahren betreffen.

Ich erzähle ihr von meinem Planeten. Von 24 Stunden Diensten, von Händen, die im Brustkorb eines Mannes stecken, während das Kind gegen die Bauchwand tritt. Von der Überlegung, wirklich schon wieder auf die Toiletten gehen zu müssen, während 30 Patienten in der Notaufnahme auf eine Behandlung warten. Von Müsliriegeln in der Kitteltasche um die Schwangerschaftsgelüste und Kreislaufschwäche zu therapieren. Von Kollegen, die nur mit den Schultern zucken und den Kopf schütteln, wenn man als schwangere Ärztin um die Transfusion von Erythrozytenkonzentraten bei einem infektiösen Patienten bittet. Von einem Fallenlassen ins Leben ohne Zukunftsplan, mit dem reinen Vertrauen auf sich selbst.

Wir könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch sind wir uns ähnlich. Jeder kämpft mit den Dämonen seiner Vorstellungen, seinen Bedürfnissen und dem Anfang eines neuen Lebens. Des Lebens mit Kind, als Partnerin eines Mannes, der von nun auch der Vater des gemeinsamen Kindes ist. Eines Lebens, das vielleicht anders anfängt, als gedacht oder geplant. Alles auf Neuanfang. Mit vielen Einflüssen und Ratschlägen von allen Seiten. Die jedoch seltenst den eigenen Vorstellungen entsprechen. Oder aber den Vorstellungen, sich aber nicht gut anfühlen. Von einem Leben, das von nun anders wird. Verwirrend, emotional, anstrengend, aufregend, eine unglaubliche Reise durch nicht enden wollende Tiefen und berauschende Höhen.

Umso häufiger ich sie sehe, desto spannender wird es. Desto freier fühle ich mich. Ich weiß, ich werde mich verändern. Und sie sich auch. Ohne dass wir es merken, werden wir uns wichtig werden. Wir können einander erzählen, was wir empfinden. Ohne, dass der andere darüber urteilt. Obwohl oder gerade weil wir so weit voneinander entfernt sind.

Ja, das ist ein Liebesbrief. An eine Freundschaft, die gerade erst entsteht.

 

Bildquelle: flickr.com, by Marco Verch

4 Antworten auf „Liebesbrief“

  1. Ein sehr schöner Artikel über Freundschaft unter Müttern. Auch ich habe durchs Mutter werden zwei wunderbare Freundinnen kennengelernt. Inzwischen sind wir (bald) alle drei Mütter von zwei Kindern. Uns verbindet das Mutter sein. Und wir genießen den Austausch über unsere sonst so verschiedenen Leben.

    Alles Gute für eure Freundschaft!

  2. Liebe Ewa, wie immer danke ich dir herzlich für deine warmen Worte. „Veränderungen. Wir mögen sie nicht. Wir haben Angst davor. Aber wir können sie nicht aufhalten. Entweder passen wir uns den Veränderungen an oder wir bleiben zurück. Es tut weh zu wachsen. Wer sagt, er wäre nicht so, der lügt. Aber die Wahrheit ist, je mehr sich Dinge verändern, umso mehr gleichen sie sich. Und manchmal – manchmal ist Veränderung etwas Gutes. Und manchmal ist Veränderung alles.“ Meredith Grey in Grey’s Anatomy

  3. Schön geschrieben 🙂
    Gerade die von dir beschriebenen Kontakte machen unser Leben reicher. Reicher an Erfahrung, reicher an Bewusstsein, reicher an Dankbarkeit.
    Und das tretende Kind im eigenen Leib kenne ich auch: damals schrie ich mitten im Hörsaal vor Schmerz auf und plötzlich richteten sich 400 Augenpaare auf mich 😁
    Ich wünsche dir viele kostbare Momente mit für dich wertvollen Menschen!
    Lieben Gruß,
    Ewa

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