Karl, der Betrunkene und ich

Alkohol

Ich hasse die Arbeit mit Betrunkenen. Ich weiß, alle Menschen sind gleich und verdienen die gleiche Behandlung. Naja. Diejenigen mit den ganz besonders unangenehmen Gerüchen, sogar manchmal mit größter professioneller Distanz und am schnellsten. Aufschrei! „Was? Der Betrunkene kommt noch vor mir dran? Obwohl ich schon 20 Minuten länger warte?“ Ja. Durchaus. Schnell rein, schnell abarbeiten, nicht aufregen, simpel, zügig, ohne viel Geschrei, ab nach Hause. Geht das nicht, wird es nämlich noch unangenehmer. Geschrei, Gezeter, Stürze von der Liege, Handgemenge mit den Pflegern, noch mehr Gebrüll, Ärger mit anderen Patienten, Suchtrupps um die weggelaufenen Betrunkenen zu suchen, Polizei, viele Telefonate und verdammt viel unnötige Arbeit. Also ja, sie kommen manchmal schneller dran. Und gehen schneller wieder. Oder schlafen ihren Rausch auf der Station aus. Bescheiden wird es nur dann, wenn sie gehen wollen und nicht dürfen. Also, zu viel Alkohol im Blut und zu viel Blut im Kopf. Instabile Frakturen. Betrunkene, die sich selbst gefährden. Herrlich. Die meisten landen auf der Intensivstation. Da gibt es genug Flüssigkeiten, auch noch den letzten Widerstand in den Schlaf zu versetzen. Wenn das aber nicht geht, wird es erst richtig bescheiden. Ich erinnere mich an meinen letzten betrunkenen Patienten, Karl.

Wie er da vor mir stand. Schreiend, taumelnd, sich mit aller Kraft wehrend. Die instabile Wirbelkörperfraktur in seiner Wirbelsäule und die Fraktur in seinem Fersenbein ignorierend. Drohender Querschnitt hin oder her. Er hat mich schon sehr viel Zeit gekostet. In der Aufnahme, beim Blut abnehmen, im CT, beim Röntgen, beim Gipsen. Keinen Schritt ohne mich. Sehr viel Überredungskunst, freundliche Worte, beruhigende Worte. Zeit, die ich nicht für die anderen Patienten habe. Die nun warten müssen. Nachts. Bereitschaftsdienst, der heute mal wieder kein Bereitschaftsdienst ist. Sondern ein Dienst, rund um die Uhr. Karl möchte heim. Er ist 20 Jahre alt und hat 3 Promille. Diesen Pegel muss man üben, um mich damit noch stehend anschreien zu können. Er ruft seinen Vater an, ihn abzuholen. Der Vater erklärt mir nun, er unterschreibt mir, die Verantwortung für seinen Sohn zu tragen und ihn am nächsten Tag wieder vorbei zu bringen. Aha, er scheint das schon öfter gemacht zu haben. Dass sein Sohn nicht aufstehen darf und nur en bloc gedreht werden sollte, scheint er nicht zu verstehen. Karls Vater stinkt nach Schnaps, seine Kleidung ist völlig verdreckt und er hat sicherlich nicht weniger Promille in seinem Blut, als sein Sohn. Er ist mit seinem Auto in unsere Notaufnahme gefahren und als ich aus dem Raum gehe, gibt er seinem Sohn eine schallende Ohrfeige. Karl zuckt nicht einmal mit der Wimper. Karl war einmal ein Kind. Vor nicht allzu langer Zeit.

Aus Hass wird Mitleid. Einfach so.

 

Bildquelle: flickr.com, by Günther Hentschel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.