Entscheidungen

Euer Chef möchte etwas von euch. Egal ob Krankenhaus oder anderes Arbeitsumfeld, es ist überall das Gleiche. Hierarchien gibt es überall. Bei mir heißt es jeden Tag: „Da ist noch Patient X und Y in der Sprechstunde. Machen Sie mal Frau Müller“. Am besten sind die Aufgaben schon erledigt, bevor sie auftauchen. Oder zumindest erledigt ohne den Chef einzubeziehen. Sowieso sofort erledigen und nicht nachher. Entscheiden möchte er schon gleich gar nicht. Oder eben später. Nein, nein, nein! Unabhängig davon, dass er einen Haufen voll Geld dafür bekommt, dass er die Entscheidungen trifft UND die Verantwortung trägt (und ich NICHT!), ist das nicht meine Aufgabe und oft außerhalb meiner Kompetenz. In manchen Situationen kommt er damit durch. Er ist nicht da. Oder am OP-Tisch. Oder delegiert an einen anderen Oberarzt. Der ist dann ebenfalls angenervt, wenn er die Entscheidung treffen soll. Aber ich treffe die Entscheidungen in meiner Position nicht alleine. Und das ist dann übrigens auch schriftlich festgehalten. In meinen Briefen beziehe ich mich dann im Prozedere (das ich nicht immer nachvollziehen kann – trotzdem, dass ich nachlese und mich erkundige!..oder sogar genau deshalb!) auf die Person, die die Entscheidung getroffen hat. „Laut Oberarzt Orthopäde wird konservativ behandelt.“ „Laut Chefarzt ist hier eine operative Intervention notwendig.“ Manche Oberärzte sprechen mich darauf an. Ob das denn wirklich sein muss. JA, MUSS. In zwei Wochen weiß ich nämlich nicht mehr, mit wem ich diesen oder jenen Fall diskutiert habe. Den Tipp für dieses „Absichern“ hat mir übrigens Oberarzt Super gegeben. Echt klasse von ihm. Das nenne ich wirklich mal „Mentoring“.

Übrigens: zum Thema Entscheidungen treffen und Prioritäten setzen ist heute mein Artikel „Notaufnahme: Der Wichtigste zuletzt“ auf doccheck erschienen. Viel Spaß beim Lesen.

6 Antworten auf „Entscheidungen“

  1. Das ist bitter. Aber leider werden Ärzte nach wie vor bloß unzureichend geschult, wie man eine Führungspersönlichkeit sein kann (ohne andere herumzukommandieren…)
    Ich wünsche dir dennoch viel Kraft und Mut. Vielleicht magst du dir ein paar Inspirationen bei mir holen 😉

    Alles Gute für dich!

  2. Einfachere Bereiche sind schon standardisiert. Leider ist in unserem Bereich jeder Fall häufig noch eine individuelle Entscheidung trotz allgemeingültiger Standards oder festgehaltener Beschreibungen der notwendigen Prozedere. Oftmals sind die getroffenen Entscheidungen sogar entgegen der festgehaltenen Vereinbarungen…aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…

  3. Deine Beschreibungen kenne ich nur allzu gut. Meine Mum kann davon ein Liedchen singen, und ich als gutmütige Zuhörerin mittlerweile auch.
    Aber vielleicht könnt ihr bestimmte Bereiche standardisieren, so dass „einfachere“ Prozesse einmal einheitlich und einvernehmlich festgehalten werden in schriftlichen Leitlinien, so dass du dich zukünftig danach richten und eigenständig entscheiden könntest.
    Ist natürlich schwer einzuschätzen als Laie, aber ich hatte mal einen Beitrag gelesen, wo ein Krankenhaus auf diese Weise wesentlich effizienter wurde.
    Viel Erfolg und gute Nerven,
    Ewa

  4. Das kann ich gut nachvollziehen. Am liebsten wäre ich auch diejenige, die immer gleich entscheiden kann/darf. In meiner Position muss ich jedoch zu meiner Sicherheit oft den längeren Weg wählen…

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