Ärzte in der Kritik

Am Wochenende war ich auf Fortbildung. Ein Haufen Orthopäden, Unfallchirurgen und Neurochirurgen. Die meisten Niedergelassen, wenige, die Vollzeit in der Klinik arbeiten. Thema Wirbelsäule.

Eigentliches Thema war allerdings ein Arztbewertungsportal. Die Gemüter erhitzten sich. Einige niedergelassene Ärzte pfeifen drauf. Neumodisches Zeug, dieses Internet. Andere wiederum klicken mindestens fünf Mal täglich auf ihre Bewertungen oder Abwertungen. Und versuchen die Kommentare sperren zu lassen. Aus verschiedensten Gründen. Geht natürlich nur, wenn die Kommentare beleidigend sind. Recht oder Unrecht, falsch oder richtig, erstunken oder erlogen, anders dargestellt oder empfunden. Zählt nicht. Da steht es dann einfach. Deine Behandlung war nicht zufriedenstellend. Du hast dir keine Zeit genommen. Deine Beratung war nicht ausreichend oder schlecht. Du warst unfreundlich, unsensibel, nicht empathisch. Du hast nicht zugehört, zu viel gesprochen, nichts erklärt oder alles nur auf medizinischem Kauderwelsch. Du bist ein/e schlechte/r Arzt/Ärztin. Den Besuch bei dir kann man nicht empfehlen. Schwarz auf weiß, du machst deinen Job nicht gut. Du bist nicht gut genug. Nicht angenehm, schmerzhaft. Tja, jetzt liegt es an dir. Welche Kritik nimmst du persönlich, welche nicht? Ist die Kritik unverhältinsmäßig, unverschämt, schwachsinnig? Wollte der Patient vielleicht nur eine Krankschreibung, die du nicht verordnet hast? Oder hast du ihn kritisiert? Fühlt er sich verletzt und ist enttäuscht? Bist du fähig zu abstrahieren, Selbstzweifel nicht zuzulassen? Und warum fühlst du dich angegriffen? Hatte der Patient vielleicht sogar Recht? Du warst zu schnell, hast dir keine Zeit genommen, weil du keine hattest, du hast nichts erklärt, weil er es sowieso nicht verstehen würde… weil… Das System oder jemand anderes trägt die Schuld.

Kopf in Sand, aufmerksame Reflektion oder allwissender Riesenvogel?                                   Welche Variante wählt ihr?

4 Antworten auf „Ärzte in der Kritik“

  1. Nachtrag – und notorische „ich-finde-alles-sch****“-Persönlichkeiten sind leider auch an den guten Tagen die fleißigsten Bewertungsschreiber…

  2. Von außen betrachtet (als Nichtmedizinerin, die 15 Jahre für ein großes Hotel gearbeitet hat) würde ich jedem Arzt empfehlen ab und an mal leise „Werbung“ für die Bewertung zu machen. Leider machen sich viel zu oft nur die verärgerten Patienten die Mühe eine Bewertung zu schreiben, was das Bild ziemlich verfälscht. Ist bei Hotels übrigens nicht anders, es schreibt (geschätzt) jeder Zweite der unzufrieden war und nur jeder Zehnte der zufrieden war. Bloß wird da generell viel mehr bewertet und die „Masse“ bringt dann doch einen brauchbaren Durchschnitt.
    Sicher hat jeder Arzt (und jeder andere Dienstleister) mal nen schlechten Tag und nicht perfekt gearbeitet, alles andere wäre nicht menschlich. Ungünstig aber, wenn dann nur an dem einen Tag Bewertungen reinkommen und an den 1000 guten Tagen nicht.
    Klar, man kann die (zumindest auf jameda) ziemlich problemlos wieder löschen lassen, aber eine negative Bewertung zwischen 20 positiven bringt vielleicht ein realistischeres Bild nach außen, weil sich dann der Leser doch mal fragt wer recht hat, einer oder zwanzig….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.