Ich komme gleich! Die Wette gilt.

Ich komme gleich. Die Wette gilt.

Paul hat Dienst. Der Allgemeinchirurg ist ein Chirurg aus dem Lehrbuch. Die Ärmel hoch gekrempelt, die vor Stolz geschwellte Brust, das Goldkettchen um den Hals. Alles passt. Er ist aber auch verantwortungsbewusst und hat ein Teddybären-Herz.

Jetzt sitzt neben mir in der Notaufnahme und hämmert wie wild auf seine Tastatur. Im 2-Finger-Schreibsystem. Die Fehlerquote ist so hoch, dass er noch ungehaltener wird. Damit gewinnt er kein Wettrennen.

Meine Finger eigenen sich für andere Tätigkeiten. Nicht für solchen Zettelkrams. Mit meinen Händen fasse ich lieber andere Sachen an, weißt du? Die können auch echt zärtlich sein. Da hat noch jede angefangen, zu schnurren.“ Er zwinkert mir zu.

Ich rolle lachend mit den Augen. „Dann hoffe ich sehr für dich, dass deine Katze nicht irgendwann zubeißt.“

Es ist 23.30 Uhr und die zwei Patienten, die auf sein Konto gingen, werden entlassen. 

Die anderen Patienten, die er mit beurteilen muss, gehören den Internisten. Fall 1: abführen. Fall 2: vielleicht doch noch OP?

Der Internist macht hinter Pauls Rücken die Bewegung eines Sprinters nach. Das Zeichen, dass ich mich beeilen muss, wenn meine Oma mit der Schenkelhalsfraktur noch vor Fall 2 in den OP soll.

Paul dreht sich um, als ich meinem Oberarzt anrufe und dem OP-Personal Bescheid gebe. Er verzieht die Augen zu Schlitzen.

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Berufswechsel als Mutter – warum?

Berufswechsel als Mutter

Seit ich Mutter bin, habe ich einen Satz so oft gehört, wie noch nie:

„Warum wechselst du nicht deinen Beruf?“ Meine Mutterrolle scheint sich nicht mit meiner Arbeit als Unfallchirurgin zu vertragen.

Freunde, Bekannte, Verwandte, Kollegen, Vorgesetzte. Viele fragen mich, warum ich nicht das Fach wechsle. „Wechsel in die Innere Medizin. Mach doch den Facharzt für Allgemeinmedizin. Das ist viel besser vereinbar mit deiner Mutterrolle. Oder was ist mit Anästhesie? Rehabilitationsmedizin vielleicht?“

Ich bin erschrocken, enttäuscht und traurig über diese Vorschläge. Nicht, dass sie mich überraschen. Nein. Mein Leben als Unfallchirurgin ist rasant. Ich arbeite nachts, am Wochenende, spät abends. Kein Homeoffice, keine flexiblen Arbeitszeiten, keine Gleitzeit am Morgen.

Die Vorstellung selbst, meinen Beruf als Frau auszuüben, scheint Thema zu sein.

Ich passe nicht ins Schema.

Auch wenn wir Frauen in unserem Fachbereich immer mehr werden – Normalität ist es für viele Menschen noch keine.

Eine Frau, die den Hammer in der Hand hält, um die Prothese einzuschlagen. Eine Frau, die das Skalpell führt, um ihre Hände in den Thorax eines Mannes zu schieben. Eine Frau, die dem Alkoholiker mit den Handschellen und der anwesenden Polizei, die Platzwunde im Gesicht zunäht. Eine Frau, die den Muskelprotz sediert und eine Hüfte reponiert. In unseren Operationen spritzt Blut. Wir tragen Brillen, Kittel und Handschuhe. Und ja, ab und an, bleibt ein Blutspritzer im Gesicht hängen. Wir sägen, hämmern, stöhnen und schwitzen. Wir arbeiten, planen, denken, trösten und fordern. „Berufswechsel als Mutter – warum?“ weiterlesen

Ach, das wird schon!

Schach

Die Feiertage im Mai sind zahlreich. Die Urlaubszeit hat begonnen. Die ersten verunfallten Fahrrad- und Motorradfahrer fallen als OP-Schwestern, Anästhesisten und Pfleger aus.

1 OP Saal ist auch an normalen Arbeitstagen gesperrt, wegen des Personalmangels. Wie praktisch. Dann können also in der nächsten Woche alle Patienten endlich auf dem OP-Tisch landen, die jetzt schon 7 Tage auf einen OP-Platz warten und ein Krankenhausbett belegen.

Und der eine gesperrte OP Saal?

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