Die Fehler der anderen

Fehler

Oft erzählen mir Kollegen von Fehlern, die andere Ärzte gemacht haben und die sie jetzt ausbaden müssen. Dass sie sich bei mir beschweren, ist zwar manchmal nervig, aber in Ordnung. Dass sie das auch im Beisein betroffener Patienten tun, ist in meinen Augen unkollegial.

„Welches Antibiotikum hat Ihr Hausarzt Ihnen verschrieben? Das ist nicht erste Wahl.“ Der Internist neben mir schüttelt den Kopf. „Wir schließen eine Thrombose aus und nehmen Ihnen Blut ab, um die Entzündungswerte zu kontrollieren. Ich denke, Sie müssen ein paar Tage stationär bei uns bleiben. Dann bekommen Sie das richtige Antibiotikum über die Vene.“

Das ist irgendwie unkollegial.

Der Patient sitzt Schultern zuckend auf der Liege und hat ein großes Fragezeichen im Gesicht. In unserem Aufenthaltsraum in der Notaufnahme fragt mich der Internist: „Clindamycin bei einem Erysipel. Warum denn sowas?“

„Vielleicht hat er eine Penicillinallergie?“

„Der Patient sagt Nein.“

„Aber musst du das so gegenüber dem Patienten äußern? Vielleicht hat sich der Hausarzt ja was dabei gedacht. Der Patient ist jetzt total verunsichert. Wahrscheinlich bereitet er gedanklich schon den Brief an den Rechtsanwalt vor. Das ist irgendwie unkollegial.“

Der Internist zuckt mit den Schultern. „Sei doch nicht immer so politisch korrekt. Ich muss jetzt den Mist ausbaden. Du hast doch gesehen, dass der Kerl i.v. Antibiose braucht.“

Ich seufze. Toll. Unter Ärzten. Echt klasse. Richtig himmlisch gute Voraussetzungen für ein gutes Miteinander.

„Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon.“

Später am Tag kommt der Patient mit der vermutlichen periprothetischen Oberschenkelfraktur aus der Reha angefahren. Der Notarzt, Kollege Oberfeldwebel aus meiner Abteilung, übergibt mir die Daten im Beisein des Patienten. „Herr Maier ist in der Reha gestürzt. Das ist bestimmt eine periprothetische Fraktur. Erst vor 10 Tagen hat er eine Kurzschaftprothese bekommen. Natürlich nicht bei uns. Das war der völlig falsche Prothesentyp für ihn.“

Herr Maier schaut ungläubig von einem Arzt zum Nächsten. Ich schüttle mal wieder den Kopf. „Herr Maier, wir machen jetzt mal ein Röntgenbild. Danach sehen wir weiter.“ Kollege Oberfeldwebel frage ich, was das denn soll.

„Warum sagst du so etwas? Auch noch im Beisein des Patienten?“

„Wenn das eine periprothetische Fraktur ist, weißt du selbst, wie das weiter geht. Jetzt der große operative Eingriff, keine Belastung, langer Krankenhausaufenthalt, Thrombose, Infekt, Ausbau, Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon. Dann möchte ich nicht Schuld sein. Und nebenbei bemerkt, stimmt es. Das war nichts für eine Kurzschaftprothese.“

Ich bin müde. Ich habe keine Lust, zu diskutieren. Ganz toll unter Ärzten, wirklich. Übrigens hatte der Patient mit dem Erysipel tatsächlich eine Thrombose. Allerdings auch eine Penicillinallergie, wie ihm zu später Stunde doch noch einfiel. Und mein Patient hatte einfach gar nichts. Er hatte sich einfach die Hüfte geprellt. Nach dem Fentanyl vom Kollegen Oberfeldwebel konnte er an seinen Unterarmgehstützen zurück in die Reha.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by John Loo

8 Antworten auf „Die Fehler der anderen“

  1. Ich finde den Text nicht missverständlich. Aber es ist immer wieder eine Gratwanderung. Wann schützen sich Ärzte gegenseitig zum Schaden des Patienten und wann werden einfach nur Vermutungen über andere Kollegen in den Raum gestellt, die den Pat. völlig verunsichern. Wir sind so rasch dabei, unseren ersten Eindruck für die Realität zu halten und wenn uns der im Artikel angeregte Perspektivwechsel gelingt (vielleicht hat ich der Hausarzt ja was dabei gedacht…), dann lassen sich so viele Konflikte vermeiden.
    Ich glaube, es kommt sehr darauf an, wie man die Kollegen darauf anspricht. In den Beispielen oben kann ich mir vorstellen, dass die Kollegen sich sofort angegriffen und kritisiert fühlten. Dann gehen sie sofort auf Abwehr und sind für das eigentliche Anliegen nicht mehr erreichbar.
    Danke für diesen Artikel!

  2. Im ersten Satz steht sogar das Wort „Fehler“ – darauf bezog ich mich, nicht auf die beiden Fallbeispiele. Weiterhin steht in diesem Absatz, dass das Sprechen über diese Fehler vor Patienten unkollegial sei. Im Laufe des Textes folgt mehrfach ein verallgemeinerndes „unter Ärzten“. Ich glaube dir gerne, dass es nicht so meinst (kam mir auch merkwürdig vor angesichts deiner sonstigen Haltung, die in deinen Blog-Einträgen deutlich wird), aber es steht nun mal so dort. Vielleicht ein bisschen überarbeiten, wenn der Text deinen Absichten nicht gerecht wird?

  3. Ich spreche nicht von Behandlungsfehlern. Ich spreche von unnötigen, den Patienten verunsichernden, den Kollegen diffamierenden Äußerungen, die nur einen Sinn haben: Keinen.
    Behandlungsfehler waren keine der beiden Fälle.
    Die guten Ärzte, die ich kenne, besprechen übrigens ihre „Fehler“ offen und ehrlich mit den Patienten. Das schafft Vertrauen. Und weniger Klagen…

  4. *seufz* danke, dass du dir die Zeit nimmst, denen den Spiegel vorzuhalten. Hoffentlich nützt es was und hoffentlich hast du lange genug die Kraft dazu, bis sich mal was bessert und vielleicht mal noch jemand auf den Trichter kommt.

  5. Hmm. Sehe ich anders. Natürlich sollte man den Patienten nicht unnötig verunsichern und auch nicht über Kollegen „lästern“. Wenn aber ein Fehler geschehen ist, finde ich es korrekt, den Patienten sachlich darüber zu informieren. In einer „die eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“-Kultur entsteht aufseiten der Patienten berechtigtes Misstrauen, ob Fehler nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden und ob man überhaupt ernstgenommen wird.

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